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»Hunger ist in erster Linie eine Frage der unfairen Verteilung agrarischer Güter, die eigentlich ausreichend zur Verfügung stehen«


25.02.2015
Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn im Gespräch zu »Harte Kost«

Was war Ihre erschreckendste Erkenntnis während Ihrer Recherchen zu Ihrem Buch »Harte Kost«?
Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Die planetarischen Grenzen sind in wesentlichen Bereichen schon lange überschritten und natürliche Ressourcen gehen dem Ende zu. Mit Erschrecken mussten wir sehen, dass unser westliches Modell der Massentierhaltung und der Monokultur trotzdem überall auf der Welt Einzug hält: Hühnerfabriken in Indien und Sojafelder in Afrika werden den Hunger nicht verringern, sondern leider noch vergrößern. Zudem werden Agrargifte, die bei uns längst verboten sind, nach wie vor massenhaft in der industriellen Landwirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern eingesetzt

Welcher Mensch oder welche Initiative hat Ihnen besonders große Hoffnung gegeben, dass wir den schwierigen Kreislauf von Bevölkerungszuwachs, Klimaveränderung, Bildungsmangel, Kapitalismus und Verschwendung doch durchbrechen können?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Eine Kleinbäuerin aus Malawi namens Fanny Nanjiwa. Das Land ist so dicht besiedelt, dass pro Familie nur noch wenig mehr als ein Hektar Land übrig bleibt. Fanny zeigt ihren Nachbarn, wie es gehen kann: Sie baut unterschiedliche Pflanzen nebeneinander an, Straucherbsen geben Schatten und verbessern den Boden, darunter wachsen Stauden von Mais, und am Boden Süßkartoffeln. Dadurch verhindert sie, dass der Boden einseitig belastet wird, und stellt sicher, dass sie selbst in Zeiten einer Dürre genug zu essen hat – weil wenn einzelne Feldfrüchte ausfallen, geben die anderen meist noch etwas her. Die Diversifizierung ist auch wichtig für eine gesunde Ernährung – viele in Malawi ernähren sich zu über 90 % von Mais. Das füllt zwar die Mägen aber sorgt für Fehlernährung. Nur eine ausgewogene Ernährung mit Gemüse kann das sicherstellen.


Und welche die Welternährung positiv unterstützende Maßnahme kann jeder von uns heute schon ohne großen Aufwand oder Lebensqualitätsverlust und mit sofortigen Auswirkungen umsetzen?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Den Fleischverbrauch halbieren, deutlich weniger Lebensmittel wegwerfen und regional und ökologisch einkaufen. Und dabei aufpassen, dass man nicht auf Mogelpackungen reinfällt. Auch die Politiker auffordern, dass sie den Missbrauch des Begriffes »regional« unterbinden.


Zwischen 2011 bis 2013 litten offiziell 842 Millionen Menschen an chronischem Hunger, das sind 12 Prozent der Weltbevölkerung oder jeder achte Mensch. Wie kann es zu so unfassbaren Zahlen kommen?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Leider stimmen auch diese offiziellen Angaben nicht, sind bewusst niedrig gerechnet. Denn es hängt von der Definition von »Unterernährung« ab: Die UN-Weltagrarorganisation zählt dazu nur Menschen, die mindestens ein Jahr am Stück hungern und weniger als 1.800 Kilokalorien am Tag zu sich nehmen. Tatsächlich leiden viel mehr Menschen an Hunger und krank machender Mangelernährung in Folge von Kriegen, Naturkatastrophen, Vertreibung und fehlenden Mikronährstoffen. Mindestens jeder dritte Mensch ist akut davon betroffen! Hunger ist in erster Linie nicht eine Frage der Energiezufuhr, sondern der unfairen Verteilung agrarischer Güter, die eigentlich in ausreichender Menge zur Verfügung stehen.


Stimmt es wirklich, dass im Prinzip genug Nahrung für die gesamte Weltbevölkerung vorhanden wäre? Und dass diese sich auch gesund ernähren könnten?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Die weltweit erzeugte Menge an Nahrungsmitteln würde ausreichen, auch knapp doppelt so viele Menschen ausreichend zu ernähren. Aber das ist ein unrealistisches Bild. Allein ein Drittel aller Lebensmittel verdirbt nach der Ernte oder beim Transport, wird im Handel ausgesondert und vom Verbraucher weggeschmissen, auch in bester Qualität. Die meisten Feldfrüchte dienen heute gar nicht mehr der menschlichen Ernährung, sondern werden zu Viehfutter verarbeitet oder zur Energieerzeugung verbrannt und destilliert. Würden wir weniger Fleisch essen, könnten die freiwerdenden Flächen für den Anbau von Gemüse und Getreide genutzt und eine gesunde Ernährung für weitaus mehr Menschen erzeugt werden.


Der Saatgutkonzern Bayer CropScience ist der größte Produzent von Genpflanzen und hatte 206 Patente auf Genpflanzen in 2013. Aber davon hört man in den Medien nichts, geschimpft wird nur über Monsanto.

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Die Konzentration auf dem Saatgutmarkt ist immens – nur zehn Konzerne beherrschen drei Viertel des Weltmarkts. Es sind fast immer auch Chemiekonzerne, denn sie verkaufen den Bauern nicht nur Saatgut, sondern gleich auch die passenden Pestizide. Das Problem dabei ist, dass sie dabei auf Saatgut setzen, das zwar mehr Ertrag bringt, das aber nur im ersten Jahr. Im zweiten Jahr können die Bauern nicht wie früher die Saaten selbst vermehren, sondern müssen sie wieder beim Konzern kaufen. Wenn sie aber mal eine Missernte haben und ihnen das Kapital zum Kauf neuen Saatguts fehlt, müssen sie sich verschulden oder aufgeben.


Warum werden nach wie vor teurer Dünger, Pestizide und Gentechnik eingesetzt, obwohl alternative Anbaumethoden, wie die von Henri de Laulanié entwickelte, weit besser funktionieren, ja sogar Rekordernten ermöglichen?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Weil mit Dünger, Pestiziden und Gentechnik große Geschäfte geführt und ungeheure Gewinne erzielt werden können. Eine alternative Landwirtschaft verfügt über keine Lobby und kann nur durch gesündere Böden und bessere Ernteergebnisse punkten. Mit der SRI-Methode beim Reisanbau mit weniger Wasser und ohne Kunstdünger und Pestizide hat sie das bewiesen.

Ein Schlüssel zu einem verantwortungsvollen Umgang mit unseren Böden ist eine vor zwei Jahrzehnten wiederentdeckte fruchtbare Erde mit Namen Terra Preta – schwarze Erde. Was verbirgt sich dahinter?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Degradierte Böden lassen sich ganz ohne Chemie und Kunstdünger über die tausende Jahre alte Methode der »Terra Preta« wieder zum Leben erwecken – eine humusreiche Mischung aus Pflanzenkohle, Kompost, Dung und Ton-scherben. Indios im brasilianischen Amazonasgebiet nutzten diese Bodenaufbereitung bereits vor 7000 bis vor 500 Jahren. Der bearbeitete Boden bindet dann die Nährstoffe und Feuchtigkeit wie ein Schwamm. In Deutschland forschen damit mehrere Universitäten insbesondere zur Verbesserung sandiger Böden in Ostdeutschland


Initiativen dokumentieren, dass Frauen als regionale Saatgutproduzenten Konzernen die Stirn bieten. Mit der Ausbildung und Gleichstellung der Frauen verbessern sie das Leben von Familien, Sippen und Dorfverbänden. Sind Frauen die Zukunftsmacher?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Frauen sind in vielen armen Ländern das tatsächliche Rückgrat und der Motor wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung. Man geht davon aus, dass die Erträge aus weiblicher Landwirtschaft unmittelbar um 20 bis 30 % steigen würden, wenn Frauen einen gleichberechtigten Zugang zu produktiven Ressourcen hätten.


Der Krieg um Wasser ist im vollen Gange. Neben dem Trinkwasser geht es dabei in erster Linie um die Bewässerung, weil die Landwirtschaft rund 70 % des Süßwassers verbraucht. Wie sehen Alternativen zur bestehenden Wasserbewirtschaftung aus?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Wichtig ist sowohl beim Wasser als auch beim Land, dass auch kleine Bauern Zugang dazu bekommen und dass nicht nur Großfarmen diese Ressourcen unter sich aufteilen. Wasser wird in Zeiten des Klimawandels zunehmend zu einem knappen Gut. Die Rolle der Landwirtschaft wurde dabei bisher unterschätzt: Rund 40% der Treibhausgase werden von der Ernährung verursacht. Das liegt zum einen an der immer noch fortschreitenden Entwaldung und dem Umpflügen von Grasland, zum anderen aber an der Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft. Ihr hoher Energie-Input und die Verwendung klimaschädlicher Stickstoff-Dünger verschärfen also am Ende die Dürren, die ihre Ertragszuwächse an anderen Stellen auf der Welt wieder zunichtemachen.


Es gibt immer wieder Skandale über schmutzige und profitgierige Aufzucht von Tieren oder den Fischfang. Warum gibt es keine globalen Systeme, um umwelt- und sozialverträgliche Produktionen zu bewerten und zu kontrollieren?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Es gibt sehr wohl international anerkannte Qualitätsstandards im ökologischen und sozialen Bereich, wie beispielsweise die Normen der International federation of organic agriculture movements (IFOAM), das FairTrade-Siegel und zahlreiche weitere Zertifikate. Allerdings beruht alles auf freiwilligen Verpflichtungen. Bis auf das EU-Biosiegel gibt es keine einheitlichen gesetzlichen Vorschriften und Kontrollsysteme. Darüber hinaus stellt sich immer auch die Frage: Wer kontrolliert die Kontrolleure und wer zertifiziert die Zertifizierer?


Steigende Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel und Energie treiben viele Familien in Entwicklungsländern in Verschuldung, Hunger und Knechtschaft. Warum erfolgt keine staatliche Intervention gegen Nahrungsmittelspekulationen?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Die Börsenhändler sind mächtiger als viele Regierungen. Die einzigen, die den unseligen Einfluss der Börsenzockerei stoppen könnten, sind die Regierungen in den Handelszentren der Industrieländer. Sonst züchten wir uns die Flüchtlinge von morgen, die an unseren Grenzen Schlange stehen werden.


Die Nahrungsmittelbranche stellt sich als Retter der Armen dar. Doch in Wahrheit macht sie Geschäfte mit dem Hunger. Sie liefert Fertigprodukte, zwingt die Familien in Abhängigkeit und verhindert eine lokale Esskultur. Trotzdem ist kein Ende abzusehen – warum?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: In der EU machen immer kompliziertere Regeln den kleinen Lebensmittelherstellern das Leben schwer. Es geht dabei nur vordergründig um Hygiene. In Wirklichkeit aber sind bürokratische Dokumentationspflichten der Grund, warum kleine Schlachthöfe oder Molkereien aufgeben müssen. Auch in den Entwicklungsländern ist die Nahrungsmittelindustrie auf dem Vormarsch, weil sie Politiker dazu bringt, den Verkauf von Industrie-Saatgut vorzuschreiben und den sich von selbst vermehrenden Saatgut zu verbieten.

Ist es richtig, dass unser Export von Nahrungsmitteln in die Dritte Welt dafür sorgt, dass sich die Wirtschaft dort nicht entwickeln kann und die bestehende zerstört wird?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Wir ärgern uns über TTIP und dass uns die Amerikaner zu etwas zwingen. Aber genau dasselbe macht Europa mit Afrika! Die EU zwingt afrikanische Staaten ihre Grenzen für unsere hochsubventionierten Agrargüter zu öffnen, die dort die lokalen Produzenten plattmachen, zum Beispiel bei Hühnerfleisch oder Milchpulver. Wir sollten im Gegenteil den Staaten erlauben, ihre Grenzen dicht zu machen, um ihre Landwirtschaft zu schützen, bis sie wettbewerbsfähig genug ist, zumindest bei der Grund-versorgung.


Ist der Verzehr von Insekten wirklich eine wichtige Möglichkeit, die Mangelernährung in Entwicklungsländern zu bekämpfen? Und werden auch wir im Westen zukünftig Produkte aus Insekten essen?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Die Welternährungsorganisation FAO propagiert Insekten-Farmen, wie sie in Südostasien entwickelt wurden, auch für Afrika und schätzt, dass in zwei Jahrzehnten die Insekten rund zehn Prozent der Proteine weltweit liefern könnten. Das ist auch ein Vorteil für die Umwelt, weil Insekten besonders gute Futterverwerter sind. Vor allem aber können sie von jedem Kleinbauern gezüchtet werden. In Europa werden es Insekten aber eher schwer auf dem Markt haben, weil Insekten hier nie traditionell gegessen wurden.


Oder ist genmanipulierte Nahrung die Lösung? Sie schreiben, dass in Neuseeland eine Kuh entwickelt wurde, die allergenarme Milch für Säuglinge liefert. Doch greifen wir hier nicht hochgefährlich in die Natur ein?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Die Gesundheitsgefahren sind kaum erforscht. Was aber klar ist, dass diese hochtechnischen Lösungen nur für die Märkte der reichen Länder entwickelt wurden, für die Bedürftigen sind diese Nahrungsmittel viel zu teuer. Unter dem Strich bringt die Gentechnik bisher auch keine höheren Erträge pro Hektar. Sie ermöglicht es den Bauern in den hochmechanisierten Industrieländern nur, ihren Arbeitseinsatz zu verringern, zum Beispiel indem sie das Unkraut einfacher totspritzen können.


Eine nachhaltige Anbaukultur ist Aquaponik und auch die Zahl der Hobby-Aquaponiker steigt rasant an, vor allem in der Urban-Gardening-Bewegung? Was verbirgt sich dahinter?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Die Agrarindustrie hat die Kreisläufe der Landwirtschaft unterbrochen, das Aquaponik-System stellt sie wieder her. Eine geniale Kombination, bei der der Abfall aus der Fischzucht, die Ausscheidungen der Fische, die Pflanzen düngt, und der Abfall aus der Pflanzenzucht die Fische ernährt.


In ihrem Fazit sagen Sie, dass es bei der Sicherstellung der Ernährung der Welt vorrangig nicht um mehr Produktion, sondern um weniger Verluste und eine faire Verteilung geht. Wie können wir alle dazu beitragen?

Valentin Thurn/Stefan Kreutzberger: Indem wir bewusster konsumieren, möglichst regional, saisonal und / oder bio, auch das Essen generell wertschätzen und weniger wegwerfen. Ziel ist eine neue Ernährungssouveränität. Das bedeutet vor allem eine Annäherung von Produzenten und Konsumenten. Jeder kann dazu beitragen, allein schon, wenn er auf dem Wochenmarkt lokal erzeugte Lebensmittel einkauft. Und die Politik sollte den Verbraucher unterstützen, damit er erkennt, was gesünder ist, besser schmeckt und zu einer Landwirtschaft beiträgt, die auch unsere Kinder und Enkel noch ernährt.